Erst das Huhn oder das Ei?

Im Grund‘ dreht sich doch alles nur

um das Vermehr‘n in der Natur.

So wird der Terminus „Natürlich“

vom Dichter gern genutzt. sati(e)risch.

Wie nun die Folgeverse zeigen,

schließt sich fürs Federvieh der Reigen.

 

Ein Hahn flog nachts mit Überschall

in einen vollen Hühnerstall.

Die Lust hat vollends hat ihn gepackt:

Fast alle Hennen saßen nackt

auf Stangen dort in Reih und Glied

gespannt darauf was nun geschieht.

 

Dass dieser Hahn begatt-bereit

war ungewöhnlich (um die Zeit),

doch blieb's dem Kerle unbenommen

wann's ihn beliebt zum Stall zu kommen.

Infolgedessen hielt man still

weil in der Regel er's so will.

 

Dem Hahn, der ält‘rer Bauart war

schwoll grad der Kamm. Da wurd ihm klar,

dass er nicht alle könnt beglücken.

Wollt ums Geschehen sich drum drücken.

Ja, selbst die Hühner fragten sich,

ob der sonst arge Wüterich

 

der heut müd‘ auf der Stange saß

denn auch genug Potenz besaß.

Die Damen schienen arg betroffen:

Sie sah’n: Der Kerl war sturzbesoffen.

Was tuen Hennen dann, geschwind,

wenn Hähne mal betrunken sind?

 

Ein Jedes legte schnell ein Ei,

den Rest des Tages hatten's frei.

Und ohne großes Federlesen

ist‘s für den Hahn auch schon gewesen.

Wie konnte es auch anders sein:

Er flog zurück ins Alt-Hahn-Heim

 

Und die Moral von solch Geschichten?

Die wundert mich und euch mitnichten:

Ist in die Jahre man gekommen,

hört nicht das Wollen wirklich auf.

Es wird das Können nur genommen.

Man kommt als alter Hahn nicht drauf.

 

© Horst Fleitmann 2020